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Pepo
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Pepo (Swahili, âWindâ, Plural pepo oder mapepo, auch sheitani, shetani von arabisch ŰŽÙŰ·Ű§Ù Schaitan, DMG Ć aiáčÄn) ist der Oberbegriff fĂŒr eine Gruppe Besessenheit auslösender Geister in der Kultur der Swahili an der ostafrikanischen KĂŒste in Kenia und Tansania. Die ĂŒberwiegend als böswillig geltenden, wandernden pepo befallen vor allem Frauen und lösen Krankheiten aus, gegen die ĂŒblicherweise ein mehrtĂ€giges Heilungsritual durchgefĂŒhrt wird. Dabei ermittelt zuerst ein Wahrsager/Heiler den Namen des Geistes. Der Geist Ă€uĂert sich in seiner Sprache durch den Mund des besessenen Patienten und gibt sich dadurch zu erkennen. Nachfolgend kann er in einer auf ihn zugeschnittenen Tanzzeremonie (ngoma) besĂ€nftigt oder vertrieben werden. Daneben werden erbliche pepo beschrieben, die wohlwollend sind und als Schutzgeist fungieren.
Pepo, deren Zahl unbestimmt groà ist, gelten als islamisch, christlich oder unglÀubig und gehören unterschiedlichen ethnischen Gruppen an. Sie bilden mit anderen Gruppen von Geistern eine komplexe Welt jenseitiger MÀchte, die aus einer Vermengung von islamischen Glaubensvorstellungen mit afrikanische Ahnenkulten entstanden sind. Die Verehrung der meisten pepo-Geistergruppen gehört zu der in Afrika weit verbreiteten Vorstellung einer Besessenheit durch Fremdgeister.
Contents
âą Wortbedeutung
âą Fremdgeister
âą Kiarabu-Geister
âą Bara-Geister
âą Kipemba-Geister
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Wortbedeutung
Die Bezeichnungen fĂŒr die PhĂ€nomene der Geisterwelt stammen ihrer Herkunft nach aus der arabischen Sprache oder aus der Bantusprache Swahili. Ein arabischer Name impliziert einen historischen Zusammenhang mit arabischen HĂ€ndlern an der KĂŒste, ein Geistwesen mit einem bantusprachigen Namen ist afrikanischer Herkunft. Mit diesem Hintergrund kann der ansonsten identische wohlwollende Geist arabisch als ruhani oder bantusprachig als pepo angesprochen werden.cite-ref-1[1]
Swahili pepo oder upepo wird mit âWindâ ĂŒbersetzt, die Wortkombination pepo inavuma oder pepo zinavuma bedeutet âder Wind blĂ€stâ. Mit pepo steht das Verb âpepa in Verbindung, das â(wie ein Betrunkener) schwankenâ, âtaumelnâ, bedeutet; ebenso âpepea, â(wie ein Kerzenlicht) flackernâ, âflatternâ, âflieĂenâ, âmit dem Wind fliegenâ. Als kausatives Verb bedeutet âpepa â(mit einem Ventilator ein Feuer) beblasenâ, etwa in pepo inapepea, âder Wind blĂ€st (etwas) wegâ. Das Substantiv upepeo steht fĂŒr einen groĂen Ventilator und upepe fĂŒr Blitzschlag. Kipepeo kann Ventilator oder Schmetterling heiĂen, in Mombasa bedeutet auch popo âSchmetterlingâ, wobei popo ansonsten fĂŒr âFledermausâ steht. Auf der Insel Pemba wird eine groĂe Zahl unterschiedlicher Geister ĂŒberliefert, zu denen seit kurzer Zeit ein Geist namens Popobawa (âFledermaus-FlĂŒgelâ) gehört, der international als moderne Sage bekannt wurde. Die Verbindung von Wind und Geist wird in den Formulierungen deutlich: kupunga upepo, â(sich selbst) Wind zufĂ€chelnâ, und kupunga pepo, was im Rahmen der Besessenheitszeremonie meint, âden Geist austreiben, indem mit einem Kuhschwanz ĂŒber dem Kopf des Patienten gewedelt wirdâ.cite-ref-2[2] Pepo kann in Tansania einen guten Geist (pepo mzuri) oder einen bösen DĂ€mon (pepo mbaya) bedeuten.cite-ref-3[3]
Peponi bedeutet âmit den Geisternâ und bezieht sich auf die jenseitige Welt der Geister. Aus dem alten Swahiliwort wurde in Ostafrika ein Begriff des islamischen Glaubens. Im islamischen Kontext bedeutet pepo â mit dem Ort peponi â das Paradies (arabisch dschanna), in welches die auserwĂ€hlten GlĂ€ubigen gelangen werden. In jenem lichtdurchfluteten weiten Land werden die Menschen in goldenen PalĂ€sten leben, umgeben von schönen BĂ€umen, Blumen und FlĂŒssen, in denen Honig flieĂt. Alle werden gemeinsam fĂŒnf Mal tĂ€glich das rituelle Gebet (salÄt) verrichten.cite-ref-4[4]
Kulturelles Umfeld
Im afrikanischen Kontext bedeutet Besessenheit, dass ein Geist oder eine fremde Persönlichkeit in einen Menschen gefahren ist und vollstĂ€ndig die Lenkung seines Organismus und seiner Psyche ĂŒbernommen hat. Dies geschieht, wĂ€hrend der Mensch in einen Zustand der Trance oder Ekstase fĂ€llt. Sein eigenes Bewusstsein ist in dieser Zeit abgeschaltet. Unterschieden wird, ob der Geist sich auf die KontrollausĂŒbung ĂŒber den Menschen beschrĂ€nkt (englisch spirit possession) oder ob die Bedeutung des PhĂ€nomens wesentlich auf der Vorstellung basiert, dass der Geist ĂŒber den Besessenen in Kontakt mit anderen Menschen tritt (spirit mediumship). Im zweiten Fall handelt es sich ĂŒblicherweise um einen religiösen Kult und der Besessene dient als Bindeglied (Medium) zwischen der hiesigen Welt und der Welt der Geister. Hierbei sollen insbesondere die AhnenhĂ€uptlinge des Clans um Hilfe gefragt und um positives Einwirken gebeten werden. Die vermutlich bedeutendste Gruppe von Medien fĂŒhren ihre Besessenheit auf diese Ahnengeister der StammesfĂŒhrer zurĂŒck. Auch Wahrsager begrĂŒnden gelegentlich ihre TĂ€tigkeit mit ihrer Besessenheit von einem speziellen Wahrsagegeist. Geographisches Zentrum der Besessenheitskulte der Bantu-Volksgruppen im sĂŒdlichen Afrika ist Simbabwe. Die Stammesmedien der sĂŒdlichen Bantu stehen in enger kultureller Verbindung mit den Medien der Baganda im nördlich gelegenen Zwischenseengebiet.cite-ref-5[5]
Ausgrabungen zufolge existierte im 8. Jahrhundert eine islamische Gemeinde auf der kenianischen Insel Lamu.cite-ref-6[6] In mehreren Orten an der KĂŒste gab es im 11. Jahrhundert Moscheen aus massiven Steinmauern. Die ostafrikanische KĂŒste gehört zu den Regionen, in denen der Islam in Afrika bereits in frĂŒhislamischer Zeit FuĂ fasste. Der Islam steht allgemein in einem Austausch- und WettbewerbsverhĂ€ltnis mit den afrikanischen Religionen, die tendenziell zurĂŒckgedrĂ€ngt werden. Daraus entstanden synkretistische Kulte, zu denen auch die in islamisierten Gesellschaften gepflegten Besessenheitskulte gehören. Diese werden von der Mehrheit der gemĂ€Ăigten Muslime allgemein toleriert, solange sie keinen politischen Einfluss ausĂŒben.cite-ref-7[7]
Bis zum 19. Jahrhundert hatten die von Einwanderern aus dem Oman und anderen arabischen LĂ€ndern gestĂ€rkten Swahili durch den Sklaven- und Seehandel die wirtschaftliche FĂŒhrung ĂŒbernommen und waren zur herrschenden sozialen Klasse geworden. Es entstand eine ethnische IdentitĂ€t der Swahili an der KĂŒste, die ihre âweltoffene, zivilisierteâ Kultur ĂŒber den âhinterwĂ€ldlerischen, rĂŒckstĂ€ndigenâ Lebensstil der afrikanischen Bauern und Viehhirten im Landesinnern erhob. Die einfachste Bestimmung der aus Arabern und afrikanischen Ethnien gebildeten, pluralistischen Swahili-Gesellschaft ist die gemeinsame Sprache Swahili, eine Bantusprache mit einem betrĂ€chtlichen arabischen Wortschatz, und die Pflege einer eigenen, islamisch-synkretistischen Kultur.cite-ref-8[8] Dazu gehört die Verehrung islamischer Heiliger und der afrikanischen Ahnen. Die Geisterwelt der Swahili wird nach einer möglichen Einteilung von islamischen, ĂŒbelwollenden Dschinn (arabisch, majini), Ahnengeistern (Swahili, koma), Naturgeistern (Swahili, mizimu) und wohlwollenden Schutzgeistern (pepo) bevölkert. Fern ĂŒber allen und nur durch Vermittlung der Ahnengeister ansprechbar thront in der Kosmogonie der Swahili Gott (Mungu), der Schöpfer (Muumba). Unter dem alles beherrschenden Gott leben die Menschen und die unzĂ€hligen Geister. Die Ahnengeister (koma) ĂŒberbringen zu manchen Zeiten Botschaften von den Ahnen an ihre lebenden Nachkommen, wenn sie Geschenke (sadaka, Ritual zur Erhaltung der Harmonie) und Opfergaben (kafara, Ritual als reinigendes SĂŒhneopfer)cite-ref-9[9] erhalten.cite-ref-10[10]
Besessenheit bei Frauen und MĂ€nnern
Der pepo-Kult der Swahili steht mit anderen afrikanischen Besessenheitskulten in Beziehung. Wie bei diesen werden ĂŒberwiegend Frauen von einem Geist besessen.cite-ref-11[11] Ein typischer, mehrheitlich von Frauen praktizierter Besessenheitskult innerhalb des Islam ist der zar-Kult in Ăgypten und im Sudan. Die zar-Geister werden wie die pepo als unsichtbare Wind-Geister aufgefasst. Andere islamische Besessenheitskulte sind Bori und Dodo bei den Hausa in Nordnigeria, Holey bei den Songhai in Mali, Stambali in Tunesien und Derdeba in Marokko. Eine Besonderheit sind der Kult um die Gottheit Nya im SĂŒden Malis und der Kult der Hamadschas um den weiblichen Geist Aisha Qandisha, die praktisch nur MĂ€nner besessen machen. Zu den zahlreichen Besessenheitskulten innerhalb des Christentums im sĂŒdlichen Afrika, die mehrheitlich Frauen veranstalten, gehören Mashawe in Sambia und Vimbuza in Malawi. Unterschieden wird nach dem britischen Anthropologen Ioan M. Lewis (1971)cite-ref-12[12] die âperiphereâ, also subkulturelle Besessenheit als Krankheit (typischerweise Kulte von Frauen der Unterschicht in mĂ€nnerdominierten Gesellschaften, etwa zar, in Somalia saar)cite-ref-13[13] von einer âzentralen Besessenheitsreligionâ, die sozial hochstehenden MĂ€nnern zur Erhaltung ihrer Machtposition dient (Nya in Mali). Besessenheitskulte lassen sich zwischen diesen beiden gesellschaftlichen Positionen einordnen, wobei die Einordnung durch die unterschiedliche Perspektive der gesellschaftlichen Gruppen geprĂ€gt wird.cite-ref-14[14]
Hans Koritschoner (1936) fand in mehreren Jahren, in denen er pepo-Kulte beobachtete, bis auf eine Ausnahme nur Frauen, die bei der Tanzzeremonie (ngoma) besessen wurden. Die Betroffenen gaben hierfĂŒr keine BegrĂŒndung an. Er vermutet fĂŒr die hohe weibliche Besessenheitsquote als zwei mögliche Ursachen eine suggestive Kraft der Tradition und eine stĂ€rkere Neigung zu hysterischen Reaktionen bei Frauen. Beginnende psychische Abweichungen werden grundsĂ€tzlich als ugonjwa ya sheitani (âKrankheit durch einen Geistâ) aufgefasst. Psychische Erkrankungen werden wie körperliche behandelt, das bedeutet, der Erkrankten wird weder eine Schuld gegeben noch fĂŒrchtet man sich vor ihr.cite-ref-15[15] In Luanda (Angola) wird nach einem Bericht von 1958 (den Begriff âHysterieâ, von altgriechisch âGebĂ€rmutterâ) ergĂ€nzend auf die belastende Rolle der Mutterschaft hingewiesen, die eine mythisch unsichere Phase darstellt. Dieses ErklĂ€rungsmuster wird durch die Feststellung relativiert, dass viele von Frauen gepflegte Besessenheitskulte in Afrika erst im 19. und 20. Jahrhundert in StĂ€dten und/oder in Gebieten mit einem starken Zustrom fremder Gruppen entstanden, was auf einen Zusammenhang mit den sozialen VerĂ€nderungen wĂ€hrend der Kolonialzeit hinweist.cite-ref-16[16]
Hierzu erwĂ€hnt Ioan M. Lewis (1966) eine Studie ĂŒber den Unterschied zwischen den Valley-Tonga und den Plateau-Tonga im sĂŒdlichen Afrika. Bei den Plateau-Tonga waren Frauen und MĂ€nner seit den 1930er Jahren in die moderne Marktwirtschaft integriert, sie hatten wĂ€hrend der Kolonialzeit gleichermaĂen Arbeitsmöglichkeiten vor Ort, Geisterbesessenheit (masabe) war selten und wenn sie auftrat, dann bei beiden Geschlechtern ungefĂ€hr gleich stark. Anders bei den Valley-Tonga, bei denen die MĂ€nner zur Arbeitsmigration gezwungen und die zurĂŒckgebliebenen Frauen vom modernen kulturellen Leben in den StĂ€dten ausgeschlossen waren. Durch Flucht in die stark verbreitete Besessenheit verschafften sich die marginalisierten Frauen ein Druckmittel, um von den MĂ€nnern ebenfalls einen materiellen Anteil an der modernen Welt in Form von Kleidern und luxuriösen Nahrungsmitteln verlangen zu können.cite-ref-17[17] Dieser Interpretation einer aus einem sozialen Konflikt zwischen MĂ€nnern und Frauen (âGeschlechterkriegâ) hervorgehenden weiblichen Besessenheit, die hĂ€ufig fĂŒr den zar-Kult angefĂŒhrt wird, stellt Peter J. Wilson (1967) eine These entgegen, wonach Besessenheit eher eine Folge von Konflikten, Wettbewerb und Eifersucht innerhalb von Mitgliedern desselben Geschlechts sei.cite-ref-18[18] Keine der vorgeschlagenen GrĂŒnde sind vom Blickwinkel des europĂ€ischen Betrachters frei. Die letztlich noch offene KlĂ€rung der Ursachen fĂŒr die ĂŒberwiegend bei Frauen auftretende Besessenheit durch pepo-Geister wirkt sich auf die Frage nach der möglichen Ausbreitung der Besessenheit durch Fremdgeister aus. Beatrix Heintze (1970) bemerkt eine Beziehung zwischen zar am Horn von Afrika, pepo und Geisterkulten von Ronga-Sprechern in Mosambik und hĂ€lt eine Ausbreitung der Frauen-Besessenheit durch Fremdgeister entlang der ostafrikanischen KĂŒste nach SĂŒden fĂŒr wahrscheinlich.cite-ref-19[19] Als ein Beleg fĂŒhrt Heintze eine von Frauen bei TrancetĂ€nzen in manchen Regionen im sĂŒdlichen Afrika geschlagene Rahmentrommel mit Schnurverspannung an, die arabischen Ursprungs sein dĂŒrfte. Arabische Frauen begleiten ihre GesĂ€nge typischerweise mit Rahmentrommeln (vgl. daira), die auch im zar-Kult und im pepo-Kult fĂŒr die Gruppe der kiarabu-Geister verwendet werden.cite-ref-20[20] Ralph Skene (1917) benennt die Rahmentrommel der Swahili mit dem arabischen Namen tari (von tÄr).cite-ref-21[21]
Fremdgeister
Pepo-Geister gehören groĂteils zu den Fremdgeistern. Neben verehrten Stammesgeistern, TĂ€tigkeitsgeistern (die bestimmte Berufsgruppen besessen machen), indifferenten oder böswilligen, gewöhnlichen Totengeistern, Familien- und Distriktsgeistern bilden Fremdgeister eine gesonderte Gruppe von Geistern, die nicht der eigenen Tradition entspringen, sondern von anderen Ethnien ĂŒbernommen wurden. AuĂer dem Swahili-Gebiet kommen Fremdgeister besonders am Horn von Afrika (zar, saar) in Simbabwe und in Angola vor. Im westafrikanischen Togo werden im Speziellen Tchamba-Kult im SĂŒden des Landes Geister von Sklaven verehrt, die aus dem fremden islamischen Norden stammen.
Die fremden Geister werden bei den Swahili und anderswo ĂŒblicherweise durch eine bestimmte, ihnen entsprechende Nahrung charakterisiert, die sie als Opfergabe erhalten, und durch passende Kleidung und Attribute, die der Besessene beim Tanzritual trĂ€gt. In seltenen FĂ€llen erhalten die Geister Nahrungsgaben, die mit ihrer Ethnie nichts zu tun haben. So erhielten im Gebiet der Mwila in der sĂŒdwestangolanischen Provinz HuĂla die Geister der KohlenverkĂ€ufer, die zur Kolonialzeit mit den EuropĂ€ern Handel trieben, âEichhörnchen und Hundâ als Nahrung, das heiĂt, die von diesen Geistern Besessenen tranken wĂ€hrend des Rituals Blut dieser Tiere. Eigene Geister der Nhaneca-Humbe in Angola erhielten Eier und Zucker, obwohl beides bei diesen Ethnien nicht verzehrt wird. Neben mehreren Ethnien im SĂŒdwesten Angolas betreiben die Chokwe und ihre Nachbarn im Nordosten Angolas, in angrenzenden Gebieten des Kongo und in Sambia intensive Besessenheitskulte mit Fremdgeistern. Die neuen mahamba der Luvale machen seit den 1920er Jahren vor allem Frauen in einem auf MatrilinearitĂ€t basierenden Verwandtschaftssystem besessen. Die Baluba im Kongo kennen seit dem 20. Jahrhundert einen EuropĂ€ergeist. In Simbabwe ist der shave-Kult verbreitet. Zu den Fremdgeistern unter den shave gehören EuropĂ€er (varungu) und Mosambikaner (mazungu).cite-ref-22[22]
Die Besessenheitskulte am Rovuma, der die Grenze zwischen Mosambik und Tansania bildet, stehen mit den pepo-Kulten in Beziehung. Die Methoden der Heilerin (fundi) mit Weihrauch (ovumba) und dem Trancetanz des Patienten sind Ă€hnlich. Die Besessenheitsgeister, unter anderem der dort lebenden Makonde, gelten als böswillig und werden von den guten Ahnengeistern unterschieden. Der anspruchsvollste böswillige Geist heiĂt msungo, trĂ€gt eine MilitĂ€runiform und ein Gewehr und braucht besonders aufwendige Rituale.cite-ref-23[23]
Bei den Taita im gleichnamigen County im SĂŒdosten Kenias ist der pepo-Kult hĂ€ufiger als saka bekannt. Grace Harris (1957) fand bis zur HĂ€lfte der verheirateten Frauen bei den Taita zumindest gelegentlich von einem saka-Geist besessen. Die Therapie folgt dem Muster der pepo-Zeremonie. Die Patientin wird mit RĂ€ucherwerk behandelt und nimmt in regelmĂ€Ăigen AbstĂ€nden an TrommeltĂ€nzen teil, da der Geist nicht endgĂŒltig ausgetrieben werden kann. Wie anderswo fordern die Frauen mit ihrer Besessenheit von den MĂ€nnern KonsumgĂŒter, die sie ansonsten nicht erhalten (besondere Kleider, Zigaretten, Dinge europĂ€ischer Herkunft).cite-ref-24[24] Bei den Massai werden seit lĂ€ngerem vorhandene Krankheitssymptome und bestimmte Behandlungsmethoden der von der KĂŒste eingefĂŒhrten, zuvor unbekannten Vorstellung von Besessenheit zugeordnet. Das allgemeine Swahili-Wort fĂŒr Geist, pepo, wurde in ihrer Sprache Maa zu embepo (fem.) und olpepo (mask.). Geistbesessenheit trat bei den Massai erstmals Anfang der 1890er Jahre auf, als bei der verheerenden Rinderpest der GroĂteil aller Rinder zugrunde ging und rund zwei Drittel der Bevölkerung starb. Die ĂŒberlebenden Massai kamen gezwungenermaĂen mit sesshaften Bantu-Ackerbauern auĂerhalb ihres Siedlungsgebiets in Kontakt, von denen sie kulturell beeinflusst wurden.cite-ref-25[25]
Besessenheitsgeister der Swahili
Johann Ludwig Krapf (1810â1881) beschrieb in Reisen in Ost-Afrika ausgefĂŒhrt in den Jahren 1837 â 1855 (veröffentlicht 1858) als einer der ersten EuropĂ€er ein pepo-Tanzritual,cite-ref-26[26] bei dem er den bösen Geist pepo sogleich als Teufel ausmachte, gegen den er, der Missionar, eine Standfestigkeit braucht, die ihm nur âeine besondere Macht von Obenâ bietet. Ohne seinen Gott gelĂ€nge es ihm nicht, in dieser âhöllischen AtmosphĂ€re fest zu bleiben gegen die finsteren KrĂ€fteâ. Offenbar ĂŒbte das fremde Ritual einen so starken Eindruck auf ihn aus, dass er die Gefahr verspĂŒrte, vom Geschehen ĂŒberwĂ€ltigt zu werden, anstatt sich mit seiner missionarischen Rede dagegen zu stellen.cite-ref-27[27]
Kolonialzeitliche Berichte ĂŒber pepo in Deutsch-Ostafrika liegen seit Ende des 19. Jahrhunderts vor (besonders Carl Velten, 1903; Raph Skene, 1917). Die genaueren ethnographischen Beschreibungen seit den 1970er Jahren waren anfangs ĂŒberwiegend Fallstudien, die sich auf einzelne StĂ€dte und Dörfer an der nordtansanischen und sĂŒdkenianischen KĂŒste bezogen, das Thema Besessenheit nur am Rand behandelten und nicht immer allgemein ĂŒbertragbare Ergebnisse brachten. Ann Caplan (1975)cite-ref-28[28] unterschied auf der Insel Mafia zwei Besessenheitskulte, einen sheitani-Kult der Unterschicht, der als âafrikanischâ und aus dem Landesinnern stammend von orthodoxen Muslimen strikt abgelehnt wurde, und einen der KĂŒstenregion zugeordneten jini-Kult von Frauen unterschiedlicher sozialer Schichten, der von muslimischer Seite eher tolerabel erschien.cite-ref-29[29] Linda L. Giles unternahm von 1982 bis 1984 Feldforschungen. Zu ihren Untersuchungsschwerpunkten gehören Mombasa sowie die Inseln Pemba und Sansibar.
GemÀà der eigenen IdentitĂ€tsbestimmung teilen die Swahili ihre Geisterwelt zunĂ€chst nach religiösem MaĂstab in islamische Geister (kiislamu) und unislamische Geister (kafiri, von arabisch kÄfir, âUnglĂ€ubigeâ) ein. Bei Betrachtung auf gesellschaftlicher Ebene werden letztere zu kishenzi (Swahili âunzivilisiertâ, âwildâ) degradiert. Geographisch stehen sich die Geister an der KĂŒste (pwani) und die Geister des Landesinnern (bara) gegenĂŒber. Die weitere Unterteilung der Geister reflektiert aus dem Blickwinkel der Swahili bestimmte Ethnien und Bevölkerungsgruppen in der Welt der Menschen. Wie die menschliche Gemeinschaft in Ethnien (Swahili kabila, Plural makabila, von arabisch qabÄ«la, âStammâ) eingeteilt ist, besteht die Geisterwelt aus vergleichbaren makabila.cite-ref-30[30] Nicht zu den Swahili gehörende ostafrikanische Ethnien teilen ihre Geisterwelt anders ein. GemÀà der quantitativen Datensammlung von Linda L. Giles (1999), die besessene Medien nach âihren Geisternâ befragte, unterscheiden die Swahili innerhalb der zur KĂŒste gehörenden Geisterwelt die Gruppe von mindestens 42 arabischen Geistern (kiarabu) von mindestens 46 Geistern der Insel Pemba (kipemba). Die kiarabu-Gruppe beinhaltet auch die Somali-Geister (kisomali). Die meisten Medien gaben an, von beiden Geistergruppen besessen zu sein, bei Besessenheit nur einer Gruppe waren es ĂŒberwiegend kiarabu-Geister.
Neben diesen beiden Hauptgruppen kennen unter anderem die Mijikenda von Mombasa die kinyika und die Massai die kimasai als kleinere Geistergruppen. In Sansibar werden madagassisch-komorische (kibuki) und Àthiopische Geister (habeshia) erwÀhnt. Auf den lebendigen kibuki-Kult von Sansibar konzentriert sich Kjersti Larsen in ihrer Studie von 2008. Auf Pemba bilden die Geister der Shambaa (kishambaa), einer in den Usambara-Bergen lebenden Ethnie, und der Nyamwezi (kinyamwezi) weitere Gruppen.cite-ref-31[31]
Helene Basu (2005) fasst fĂŒr die Insel Sansibar die Geister nach sozialer und geographischer Herkunft in vier Klassen zusammen: Die masheitani ya ruhani (Plural) sind arabische Geister (entsprechend der Gruppe kiarabu), die fĂŒr Islam und Zivilisiertheit stehen. Den Gegenpol bilden die masheitani ya rubamba. Dies sind afrikanische Geister vom ostafrikanischen Festland und von der Insel Pemba, die mit Unglauben, Unzivilisiertheit und Hexerei assoziiert werden. Masheitani ya habisha (auch habeshia) sind christliche Ă€thiopische Geister, von denen es Könige und Sklaven gibt. Die vierte Gruppe bilden demnach die stets paarweise auftretenden masheitani ya kibuki aus Madagaskar und den Komoren. Obwohl die Geister nach den ethnischen Kategorien eingeteilt sind, die in der Bevölkerung vorherrschen, setzen sich die AnhĂ€nger der Kultgemeinschaften nicht einheitlich aus den jeweiligen Ethnien zusammen.cite-ref-32[32]
Kiarabu-Geister
Die zur KĂŒstenregion (pwani) gehörende Gruppe der islamischen kiarabu-Geister gilt dem SelbstverstĂ€ndnis der Swahili nach als besonders mĂ€chtig. FĂŒr sie werden Zeremonien in arabischer Sprache veranstaltet und die Geister sprechen (durch den Mund des Mediums) Arabisch. Die meisten Swahili haben zwar einige arabische religiöse Texte auswendig gelernt, können sich aber nicht auf Arabisch unterhalten. Linda L. Giles (1999) erwĂ€hnt auĂenstehende Zuhörer (unter ihnen sei ein Sprachwissenschaftler gewesen), die bemerkten, dass die Besessenen sich wĂ€hrend der Trance mit einer Sprachkompetenz Ă€uĂerten, die sie im Alltag nicht besitzen.cite-ref-33[33] Ralph Skene stellte bereits 1917 hierzu kritischer fest, die Besessenen sprĂ€chen gewöhnliches Swahili, durch ihre Stresssituation jedoch mit einer nervösen, hohen Stimme, die mit unartikulierten Lauten durchsetzt sei. Die Heiler behaupten zur ErklĂ€rung, die Besessenen wĂŒrden eine altertĂŒmliche Form der jeweiligen Sprache sprechen, die nur sie verstehen könnten.cite-ref-34[34]
Der Umgang mit kiarabu-Geistern ist schwierig, da sich ihre Macht als nĂŒtzlich und ebenso als schĂ€dlich auswirken kann. Kiarabu-Geister, die sich auch auĂerhalb der Besessenheitskulte in Menschen verkörpern können, werden nach islamischem VerstĂ€ndnis den im Koran vorkommenden Dschinn (jini, Plural majini) zugeordnet. Nach islamischer Tradition verkörpern die Dschinn, wenn sie bösartig sind, den Widerstand gegen die Herrschaft Allahs und gelten dann als Schaitan (scheitani, Plural masheitani, Satan), der IblÄ«s (dem Teufel) unterstellt ist. FĂŒr den Menschen hilfreiche Dschinn unterstehen hingegen dem Propheten Sulaiman, der von Gott die Macht ĂŒber sie erhielt. Solche dienstbaren Dschinn beseitigen fĂŒr ihren Herrn alle Schwierigkeiten, wie es in Sure 34:12 heiĂt. Nicht alle Charakterisierungen der Dschinn in der Tradition der Swahili sind im Koran angelegt. An der ostafrikanischen KĂŒste werden die schĂ€dlichen Dschinn nicht Iblis zugeordnet und auf die sprachliche Unterscheidung in schĂ€dliche (sheitani) und hilfreiche Geister (jini) wird auf Sansibar hĂ€ufig verzichtet. So gehören nach dem VerstĂ€ndnis der KultanhĂ€nger ÊżAbd al-QÄdir al-DschÄ«lÄnÄ«, der BegrĂŒnder der QÄdirÄ«ya-Sufibruderschaft, und Mitglieder der Familie des Sultans zu den masheitani ya ruhani. Ritualleiter (Swahili fundi) diskutieren kontrovers Fragen des rechten Glaubens, wozu die Fragen gehören, welche Geister von Allah geschaffen wurden und welchen Einfluss Geister auf das Handeln der Menschen ausĂŒben.cite-ref-35[35]
Ihrem Wesen entsprechend gehören kiarabu-Geister der stĂ€dtischen Elite an und werden als gebildet, modern und als gepflegte Erscheinung vorgestellt. Die von ihnen Besessenen tragen wĂ€hrend des Rituals weiĂe Kleidung und einen weiĂen Turban, Gebetsketten (Misbaha) und Amulette mit KoransprĂŒchen. Ihr bevorzugter Geruch sind RĂ€ucherstĂ€bchen mit Rosenholz (Aniba rosaeodora, Swahili udi), gefolgt von Rosenwasser (marashi), das auf der Kleidung und im Raum verspritzt wird.cite-ref-36[36] Kiarabu-Geister trinken gern kombe, einen magischen Trunk, der aus der Tinte von Abschriften aus dem Koran hergestellt wurde. Kleine Opfergaben möchten sie gepflegt auf einem Silbertablett (upatu) ĂŒberreicht bekommen, Essen und GetrĂ€nke (FrĂŒchte, NĂŒsse, ZuckerhĂŒte, Halva, arabischen Kaffee) am besten auf einem gröĂeren Metalltablett (sinia). Falls Musikinstrumente beim Ritual eingesetzt werden, dann nur eine Rahmentrommel (tari, Name im islamischen Kontext).
Im weiteren Sinn bezeichnet kiarabu nicht nur die regionalen Dschinn, sondern alle Geister nordafrikanisch-mittelöstlicher Herkunft, fĂŒr die islamische Zeremonien (dhikri) abgehalten werden mĂŒssen. Dieses weiter reichende Kriterium schlieĂt Geistervorstellungen ein, die im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte mit HĂ€ndlern und Sklaven in das Sultanat Sansibar gelangten. Hierzu gehören islamische ebenso wie christliche Geister der Nubier, Somali, Oromo und Habescha vom Horn von Afrika, der BĆ«-SaÊżÄ«d-Dynastie in Oman und ferner Geister der Beduinen (bedui). Von diesen Geistern spielen praktisch nur die somalischen eine Rolle, vor allem in den Ritualgemeinschaften von Mombasa. Die fremden Geister benötigen besondere Rituale, falls sie als kiarabu und nicht eher als afrikanische Geister aufgefasst werden.cite-ref-37[37]
Bara-Geister
Die afrikanischen Geister aus dem Landesinnern stellen in jeder Hinsicht den Gegensatz zu den kiarabu-Geistern dar. Sie sind unzivilisiert, unglĂ€ubig und unrein, was an der schwarzen oder roten Kleidung beim Ritual deutlich wird. Statt einem koranischen Amulett gehören Fliegenwedel (mibwisho) zu ihren Insignien. Musikinstrumente sind Trommeln (groĂe einfellige Standtrommeln), eventuell Gongs und Rasseln.cite-ref-38[38] Als Medizin trinken sie kein Rosenwasser, sondern einen Saft aus einheimischen Pflanzen und Wurzeln. Ihnen haftet ein fauliger Geruch an, weshalb als RĂ€ucherwerk statt Rosenholz der Rauch von mafusho genĂŒgt, einer unterschiedlichen Mischung aus Pflanzen und KrĂ€utern, die ansonsten in der Naturheilkunde verwendet werden. Die Opferspeisen sind alltĂ€glich (Mais, Hirse, Milch), abstoĂend und unrein; zum Trinken erhalten bara-Geister Pombe (Hirsebier). Die weniger machtvollen bara-Geister werden anstelle islamischer dhikri-Zeremonien mit nichtislamischen Tanzzeremonien (ngoma) angerufen.
Zu den bara gehören in erster Linie die Massai- und Nyamwezi-Geister, weil diese Völker aktiv am ostafrikanischen Karawanen- und Sklavenhandel beteiligt waren, Geister von versklavten Völkern aus dem Kongobecken und â um die GeringschĂ€tzung dieser Gruppe deutlich zu machen â Geister von Wildtieren, Rindern und Eseln. Die Bösartigkeit der bara-Geister drĂŒckt sich in den wilden, unkoordinierten Tanzbewegungen bei den Ritualen aus, die auch Elemente afrikanischen Initiationen enthalten. Die einzelnen Typen Ă€uĂern sich in der Sprache ihrer Herkunft.cite-ref-39[39]
Kipemba-Geister
Die Insel Pemba gilt als die Hochburg der Geister an der ostafrikanischen KĂŒste und die kipemba-Kategorie (masheitani ya rubamba) steht identitĂ€tsstiftend im Zentrum der Swahili-Geisterwelt. Auf Pemba gelten sie als die einheimischen Geister, von dort sollen sie sich vor lĂ€ngerer Zeit entlang der KĂŒste verbreitet haben. Die Geister sprechen Swahili im Dialekt der KĂŒste. Ihr Ritual ist nichtislamisch (ngoma). Losgelöst von der dominanten islamischen Kultur der StĂ€dte tritt beim Kult der kipemba-Geister das afrikanische Element der Swahili-Gesellschaft in den Vordergrund. Die Dreifarbigkeit der kipemba â schwarz, rot und weiĂ â symbolisiert die Verbindung aus afrikanischen (schwarz, rot) und islamischen Elementen (weiĂ). In der Region Tanga tragen die Besessenen einen dreifarbigen Turban und ebensolche Hemden und Hosen. AuĂer dem Fliegenwedel der bara-Geister dienen weitere GegenstĂ€nde als Insignien, darunter grob bearbeitete HolzstĂŒcke und Korallen. Die Geister mögen sĂŒĂe BlumendĂŒfte und zugleich ihrem afrikanischen Temperament entsprechend ĂŒble GerĂŒche, das entspricht einer Kombination aus Rosenholz-RĂ€ucherstĂ€bchen und schlecht riechendem RĂ€ucherwerk (uvumba). Die Opfergaben bestehen aus Blumen, FrĂŒchten (Bananen), Honig, Zuckerrohr, BetelnĂŒssen, rohen Eiern, Blumen und in kleineren Mengen feine Esswaren entsprechend dem Angebot an die kiarabu-Geister, die auf einer Holzschale ĂŒberreicht werden. Insgesamt enthĂ€lt der Kult aus den anderen Geisterkategorien bekannte, âzivilisierteâ und âunzivilisierteâ Elemente. Einzigartig ist die Besetzung der Begleitmusik mit der Kegeloboe nzumari (sprachverwandt mit mizmar), der mit einer Palmblattrippe geschlagenen Metallplatte upatu und Trommeln.
Die Wohnorte der kipemba-Geister liegen an der MeereskĂŒste meist in Höhlen oder an BĂ€umen, die als Schreine (panga) zur Kommunikation mit den Geistern fungieren. An den panga werden nicht nur die besessen machenden Geister verehrt, sondern auch Schutzgeister, die in Ritualen von der Dorfgemeinschaft um reiche Ernte oder anderweitige UnterstĂŒtzung angefragt werden. Im VerstĂ€ndnis der GlĂ€ubigen, die auch die HeimstĂ€tten der Geister in islamische und unislamische unterscheiden, gelten die panga als rein islamisch.cite-ref-40[40] Die Heilwirkung im kipemba-Kult basiert nicht auf der Einnahme koranischer Texte (als GetrĂ€nk kombe), sondern von NaturheilkrĂ€utern, wie sie von nichtislamischen Heilern gegen Hexerei (uchawi) und schwarze Magie (ulowa)cite-ref-41[41] angewandt werden.cite-ref-42[42]
Weitere Geisterkategorien
Kinyika-Geister gehören zur Swahili-Kultur der KĂŒste, haben aber ihre Wurzeln im afrikanischen Binnenland und besitzen daher bara-Eigenschaften. Sie sind im gesamten Swahili-Gebiet verbreitet, die meisten werden jedoch den Mijikenda an der kenianischen KĂŒste zugeordnet, die in engen kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den Swahili stehen. Die Geisterwelt der Mijikenda besteht aus Ahnengeistern (makoma) und böswilligen Geistern (mapepo). Erstere sind prinzipiell gut, solange die richtigen Rituale fĂŒr sie durchgefĂŒhrt werden, letztere bringen psychische und physische Krankheiten und mĂŒssen vertrieben werden.cite-ref-43[43] FĂŒr die Swahili gelten die Geister der Mijikenda als unislamisch und unzivilisiert. UnabhĂ€ngig davon, dass die Digocite-ref-44[44] und andere Untergruppen der Mijikenda zum Islam konvertiert sind, bezeichnen Swahili sie abwertend als âNyikaâ, was âBuschlandâ bedeutet. Die Geister mögen RĂ€ucherstĂ€bchen (ubani) aus Gummi arabicum, anderes RĂ€ucherwerk und Pflanzenmedizin. Weil unislamisch erhalten sie als Speiseopfer Palmwein. Ihre Unreinheit tritt deutlich zutage, wenn sie nach Ratten als Nahrung verlangen. Die Macht der kinyika-Geister ist gering, dennoch fĂŒhlen sich viele KultanhĂ€nger von ihnen besessen. Als ein Zeichen fĂŒr die enge Beziehung von Swahili und Mijikenda tanzen in den ngoma-Zeremonien von kinyika- und von kipemba-Geistern Besessene hĂ€ufig im Stil der jeweils anderen Gruppe.cite-ref-45[45]
Die bisher erwĂ€hnten Geistertypen sind den Gegenpolen islamisch (kiislami), KĂŒste (pwani) â unislamisch (kafiri), Inland (bara) zuzuordnen. Daneben gibt es Geister, auf welche diese Kategorien nicht anwendbar sind. Die Ă€thiopischen Geister (habeshia) gehören zum zar-Kult, den Konkubinen adliger Ă€thiopischer Herkunft in die PalĂ€ste der Omani-Herrscher und einfache Ă€thiopische Sklavinnen in die abhĂ€ngige Unterschicht von Sansibar mitbrachten. Auf den beiden sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen bewegen sich die habeshia-Geister. An erster Stelle im Ritual stehen die gepflegten, vornehmen Geister der Adligen, die von den Sklavengeistern abgegrenzt werden. Mit den ersten Mehrparteienwahlen 1995 auf Sansibar und dem Machtverlust der Omani-Oberschicht, ging der Kult der habeshia-Geister zurĂŒck.
Der von Madagaskar und den Komoren eingefĂŒhrte Kult der kibuki-Geister beinhaltet eine ungefĂ€hre Erinnerung an die Geisterwelt der madegassischen Sakalava-Königreiche. Die kibuki-Geister gelten weder als islamisch noch als afrikanisch. Sie sind europĂ€ische Typen mit einer Vorliebe fĂŒr importierten Alkohol und andere europĂ€ische KonsumgĂŒter sowie fĂŒr eine Tanzmusik mit dem in Madagaskar beliebten Akkordeon (gorodo). Mit diesen Eigenschaften entsprechen sie den im christlichen Umfeld in madagassischen Besessenheitszeremonien vorkommenden Geistern (tromba). Das Wort tromba bezeichnet in ganz Madagaskar summarisch Besessenheitsgeister, die in europĂ€ischen und arabischen Reiseberichten seit dem 16. Jahrhundert erwĂ€hnt werden.cite-ref-46[46] Da römisch-katholische Missionare als erste und am erfolgreichsten ihre Religion auf Madagaskar verbreiteten, gelten die kibuki-Geister mehrheitlich als französische katholische Priester. Sie sind im Vergleich zu den gepflegten kiarabu- und habeshia-Geistern rĂŒpelhaft, laut und selbstherrlich. Historisch steht der kibuki-Kult nicht mit den Omani-Herrschern in Verbindung, zu denen er einen sozialen Gegensatz ausdrĂŒckt.
Eine Randerscheinung der europĂ€ischen Kolonialherrschaft sind die kizungu-Geister. Mzungu (Plural wazungu) ist ein âweiĂer EuropĂ€erâ, kizungu bedeutet âeinem (reichen) weiĂen Menschen zugeordnetâ. Dieser Geistertyp ist heute selten, auf dem Gebiet der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika (tansanisches Festland) stellte man sich deutsche Geister vor, im gesamten Ostafrika britische Geister. Zum kizungi-Geisterkult gehören europĂ€ische Nahrungsmittel (Kekse, Kuchen, Toast, WeiĂbrot, Alkohol, Soft Drinks, Zigarren und Zigaretten), fĂŒr die Kolonialzeit typische Kleidung inklusive Tropenhelme und MilitĂ€rartikel wie Spielzeuggewehre aus Holz sowie Modelle von Flugzeugen und Schiffen. Dem damaligen Auftreten der EuropĂ€er entsprechend erscheinen die Geister mĂ€chtig, autoritĂ€r und grob, besonders die deutschen.cite-ref-47[47]
Heilungszeremonie
Ist als Ursache einer Erkrankung ein Geist diagnostiziert, erfolgt die Behandlung in zwei Abschnitten. ZunĂ€chst muss der Typ und der Name des Geistes herausgefunden werden, damit dieser in einer nachfolgenden Tanzzeremonie geehrt werden kann. Der britische Verwaltungsbeamte des nordkenianischen Distrikts Lamu, Ralph Skene, beschrieb 1917 die Geister pepo oder jin der Swahilis und Araber an der KĂŒste als teilweise harmlos und teilweise böswillig und besessen machend, was nach seiner Ansicht ĂŒberwiegend bei Frauen eine Störung des Nervensystems hervorruft. Skene beobachtete Besessenheitskulte mit Tanzfesten (ngoma) bei denen unterschiedliche Trommelrhythmen Ekstase oder Ruhigstellung des Patienten bewirken konnten. Ngoma bezeichnet allgemein GruppentĂ€nze mit Musik und Tanzwettbewerbe.cite-ref-48[48] Die âethnische Zugehörigkeitâ des Geistes findet der Wahrsager/Heiler ĂŒber die Sprache heraus, mit der er sich durch den Mund des Besessenen Ă€uĂert. Jeder pepo innerhalb einer Geistergruppe hat einen Eigennamen, der einem gĂ€ngigen Eigennamen in der jeweiligen menschlichen Ethnie entspricht. Die professionellen Heiler sind abgesehen von regionalen Schwankungen ungefĂ€hr zur HĂ€lfte mĂ€nnlich und weiblich.cite-ref-49[49] Der Heiler erkennt die Sprache und versteht als einziger die altertĂŒmliche Ausdrucksweise. Sollte sich der pepo nicht ĂŒber die Patientin (mehrheitlich Frauen) dem Heiler gegenĂŒber offenbaren, so muss ein anderer Heiler gefunden werden, zu dessen Erfahrungshorizont dieser pepo gehört.
Am Beginn der nachfolgenden Behandlung versucht der Heiler dem Geist die Aussage (durch den Mund der Patientin) zu entlocken, welche Art Opfer er sich wĂŒnscht, damit er bereit ist, deren Körper zu verlassen. Um diese Aussage (aus dem Mund der Patientin) zu erhalten, wendet jeder Heiler in einer Tanzzeremonie seine eigene Rezeptur von Pflanzenwirkstoffen an, die in einem Wassertopf aufgekocht werden. Die Patientin atmet mit ihrem Kopf ĂŒber dem kochenden GefÀà hĂ€ngend und vollstĂ€ndig in ein Tuch gehĂŒllt den Medizindampf ein. Die Prozedur, bei welcher der Geist in den Kopf der Patientin steigen soll, wird mehrere Tage lang jeweils zwei Mal tĂ€glich fĂŒr ein bis eineinhalb Stunden durchgefĂŒhrt. Diese Art Medizin ist in der Swahili-Kultur weit verbreitet und nicht auf Besessenheitskulte beschrĂ€nkt. Swahili dawa (Plural madawa, âMedizinâ) ist von Arabisch dawÄÊŸ (Plural adwiya, âHeilmittelâ, âDrogeâ, jede auf den Körper einwirkende Substanz) abgeleitet. Dawa gehört auch zu den Methoden (uganga, âmagisches Heilenâ im produktiven Sinn) der sonstigen magischen Heiler (allgemein mganga, Plural waganga, in anderen Bantusprachen nganga). Die gegenteilig wirkenden, destruktiven Magier wachawi, die uchawi (schĂ€dliche âHexereiâ) betreiben, sollen zwar existieren, sie geben sich aber nicht zu erkennen.cite-ref-50[50] Swahili mganga geht auf das arabische Wort al-maqanqa zurĂŒck, mit dem al-Idrisi im 12. Jahrhundert die Geistheiler von Malindi bezeichnete, die mit ihren magischen KrĂ€ften Giftschlangen hĂ€tten harmlos machen können.cite-ref-51[51]
Das den Kopf oder den gesamten Körper der Patientin umhĂŒllende Tuch ist ein Merkmal von weiblichen Initiationsriten bei den Bantu. Bei der Hochzeit wird manchmal die Braut unter einem Tuch verborgen, manchmal werden Schwiegersohn und Schwiegermutter mit einem Tuch verhĂŒllt. Weil das Tuch in Gestalt einer Rinderhaut auch bei der Initiation eines Mediums (etwa der Weihe zum Regenpriester bei den Karanga, einer Shona-Sprachgruppe) verwendet wird, kann es wie die Aktion selbst als Symbol fĂŒr Tod und Wiedergeburt aufgefasst werden. DampfbĂ€der kommen besonders im pepo-Kult vor, sie sind darĂŒber hinaus bei den sĂŒdlichen Bantu weit verbreitet und werden von Heilern besonders bei Fieber, ErkĂ€ltungen und sonstigen Beschwerden angewandt. Auch Heiler der Yao-Sprecher in Malawi behandeln die von einem masoka-Geist Besessenen mit DampfbĂ€dern.cite-ref-52[52]
Falls der Heiler einen islamischen Geist vermutet, lĂ€sst er den Topf weg und schreibt stattdessen mit einer wĂ€ssrigen Lösung von Campher, Moschus und Safran einige der Beinamen Allahs auf eine Holzplatte. Mit einer geringen Menge derselben FlĂŒssigkeit wird die Schrift anschlieĂend in eine Tasse gespĂŒlt, welche die Patientin austrinkt. Nun beginnt die Preisverhandlung zwischen Heiler, Patientin und deren Angehörigen ĂŒber die Kosten der eventuell benötigten Trommelspieler sowie ĂŒber die Verköstigung der TĂ€nzer und der wĂ€hrend der mehrtĂ€gigen Tanzzeremonie anwesenden GĂ€ste. Der Mann der Patientin kauft fĂŒr sie die vom pepo gewĂŒnschten Kleider.
Ralph Skene listet die Namen von zwölf Geistergruppen, die seinerzeit in Malindi bekannt waren, darunter kipemba (von Pemba), kiarabu (Araber), kisomali (Somali, muslimisch), kinubi (nur weiter sĂŒdlich im Kilifi County aktiv, muslimisch), kihabshi (Ăthiopier, seinerzeit inaktiv), kiynika (gutartig, verursacht höchstens Kopfschmerzen oder ErkĂ€ltung, keine Besessenheit), kigalla (âGallaâ, abwertend fĂŒr Oromo) und kisanye (Ă€uĂert sich in Dahalo-Sprache, ansonsten wie kigalla).
Bei einer Zeremonie fĂŒr pepo ya kigalla dauert die Dampfbehandlung bis zu sieben Tage. SpĂ€testens dann sollte sich der pepo zu Wort gemeldet haben. Nun folgt ein siebentĂ€giges Tanzfest, vor dessen Beginn die Patientin oder der Patient in ein weiĂes HĂŒftuch und ein weiĂes Hemd gekleidet wird. Beim ngoma ya pepo tanzen meist Frauen zur Begleitung der fast immer mĂ€nnlichen Trommler. Jeweils morgens und abends finden zwei- bis dreistĂŒndige Tanzzeremonien in einem Raum statt, in dem sich nur die TĂ€nzerinnen, Trommler, Patient und der Heiler aufhalten dĂŒrfen. Ăblicherweise beginnt sich am dritten Tag der Geist im Patienten bemerkbar zu machen. Mit zuckenden Schultern im Rhythmus der Trommeln erhebt sich die Patientin langsam von ihrem Sitz und reiht sich unter die TĂ€nzerinnen. Zwischendurch werden die Opfergaben gebracht und diverse rituelle Handlungen durchgefĂŒhrt. Erst am letzten Tag, wenn die Patientin als so gut wie geheilt gilt, begibt sich die Gesellschaft zum Tanzen ins Freie.cite-ref-53[53] Das Ritual fĂŒr die kipemba-Geister dauert elf Tage, fĂŒr andere Geister ist es kĂŒrzer. WĂ€hrend der Behandlung werden die im ersten Teil des Rituals geĂ€uĂerten WĂŒnsche des Geistes erfĂŒllt, wodurch dieser besĂ€nftigt und zum Verlassen des Patienten angeregt werden soll. Das ĂŒbliche Tieropfer ist eine Ziege, deren Blut der Geist (bzw. der Patient) zu trinken bekommt. Blut gilt als der Sitz der Seele und beinhaltet die Lebenskraft. Blut trinken am Ende einer Initiation kann fĂŒr ein Medium das BĂŒndnis mit einem Geist bedeuten. Es besteht kein Zusammenhang zwischen dem Trinken von Blut als Nahrung, wie es im Landesinnern vorkommt (Rinderblut bei den Massai) und bei Besessenheitsritualen. Das rituelle Trinken von Blut ist im sĂŒdlichen Afrika auf die OstkĂŒste und das unmittelbare Hinterland beschrĂ€nkt und deckt sich mit der dortigen Verbreitung der zar- und pepo-Kulte und der angolanischen Besessenheitskulte.cite-ref-54[54]
Zu manchen Tanzritualen gehört â dem Wunsch des Geistes entsprechend, dass der Patient an einem der letzten Tage auf einer Ziege oder einem Rind reitet. Mit dem Abschluss der ngoma-Tanzzeremonie ist der Geist nicht endgĂŒltig aus dem Patienten verschwunden, weshalb die vom gleichen Geist heimgesuchten Menschen einander im Allgemeinen in einer Notgemeinschaft verbunden bleiben.cite-ref-55[55] Die Heilung ist unvollstĂ€ndig. Dies erlaubt der durch einen Geist, also ohne eigenes Verschulden krank gewordenen Person, auf weitere Behandlung Anspruch zu erheben.
ErgĂ€nzend zu der von Ralph Skene (1917) geschilderten Praxis verweist Linda L. Giles (1987) auf einen Unterschied: die Arbeitsteilung zwischen einem Heiler fĂŒr den ersten und einem weiteren Heiler fĂŒr den zweiten Teil der Zeremonie. Die Diagnose stellt laut Giles ein Heiler/Wahrsager (mganga oder fundi) oder ein spezieller islamischer Wahrsager (mwalimu, Plural walimu, Swahili âLehrerâ). Der Wahrsager fĂŒhrt nur in manchen FĂ€llen die anschlieĂende Tanzzeremonie selbst durch, meistens schickt er den Patienten zu einem geeigneten Heiler weiter. Der Geist muss nur dann ausgetrieben werden, wenn er sich als böswillig oder nutzlos erweist. Ansonsten wird erstrebt, ein verstĂ€ndiges Auskommen zwischen dem Geist und dem Kranken zu erreichen. Falls es sich um einen besessen machenden Geist handelt, wird oftmals versucht, den Geist zu einem regelmĂ€Ăigen Aufenthalt im Menschen (im Patienten und manchmal auch im Heiler) zu bewegen, sodass der Mensch zum âStuhlâ (Swahili kiti) des Geistes wird. Der âStuhlâ in der Bildsprache der Swahili entspricht in anderen Besessenheitskulten der Vorstellung vom Besessenen als âPferdâ, auf dem der Geist reitet. Falls die Beteiligten zu dem Ergebnis gekommen sind, dass der Geist zukĂŒnftig regelmĂ€Ăig von dem Menschen Besitz ergreifen wird, vereinbaren sie, fĂŒr den Geist mindestens einmal im Jahr eine Opferzeremonie (Teller mit Nahrung und RĂ€ucherstĂ€bchen, dazu ein Tieropfer) oder eine Form der mehrtĂ€gigen, aufwendigen und teuren Tanzzeremonie zu veranstalten.cite-ref-56[56]
Soziale Stellung der Besessenheitskulte
Durch die Identifizierung des Geistes und die anschlieĂende Tanzzeremonie ist der Besessene zu einem initiierten, vollwertigen Mitglied des Kults geworden. Das Kultmitglied (mtege oder mteje, Plural watege oder wateje) sollte regelmĂ€Ăig die Veranstaltungen der Kultgruppe und Tanzzeremonien von anderen Besessenen besuchen. Vielleicht gibt der Geist zu erkennen, dass das Kultmitglied berufen ist, innerhalb der Gruppe eine höhere Position einzunehmen und zu einem Heiler aufzusteigen. AuĂer ĂŒber Wissen und FĂ€higkeiten (fundi bedeutet âqualifizierte Personâ, âExperteâ) zu verfĂŒgen, sollte der Betreffende sich regelmĂ€Ăig an den Kosten der Veranstaltungen beteiligen, wenn er als Heiler anerkannt werden will. Ein professioneller Heiler und Wahrsager besitzt eine eigene Medizinsammlung, die er in einer Tasche (mkoba, Plural mikoba) aufbewahrt. Hat der Heiler diesen Status erreicht, kann er selbst Patienten behandeln und nach einiger Zeit eine Kultgruppe um sich scharen. Der Heiler kann seine magischen und hellseherischen FĂ€higkeiten von einem der gutwilligen Geister beziehen, die auch als Schutzgeister bekannt sind.cite-ref-57[57]
Die Besessenheit von einem Schutzgeist ist manchmal vererbt, wie Carl Velten (1903) beschreibt.cite-ref-58[58] Die Eltern sagen zu ihrem Schwiegersohn:
âDeine Frau hat den pepo von ihrer GroĂmutter geerbt, und der ist es auch, der sie jetzt krank macht. Als sie nĂ€mlich noch klein war, haben wir ihr den pepo ihrer GroĂmutter in den Kopf steigen lassen und zu dem pepo gesagt: âSorge fĂŒr die Erziehung und das Wachstum dieses Kindes, spĂ€ter, wenn sie einen Mann bekommt, werden wir dir deine Mulde (mit Geschenken) geben. Die GroĂmutter ist jetzt gestorben, und da der pepo seine Mulde haben will, hĂ€lt er sich an ihre Enkelinâ.â
Falls der Mann auf die Worte seiner Schwiegereltern hört und sagt: ââMeine Frau hat wirklich einen pepo, ich will ihn austreiben lassenâ (ku-punga), dann freuen sich die Alten sehr...,â ansonsten wĂŒrden sie ihn einen Geizhals nennen.cite-ref-59[59] Velten fĂ€hrt mit der Beschreibung der siebentĂ€gigen Dampfbehandlung fort. Mit âMuldeâ meint Velten eine Vertiefung am Boden in der eigens fĂŒr die DurchfĂŒhrung der Zeremonie errichteten HĂŒtte, in der die Opfergaben ausgebreitet werden.cite-ref-60[60]
Unter den Swahili an der KĂŒste praktiziert eine â nach Giles (1987) kleiner werdende â Minderheit Besessenheitskulte. Wie groĂ die Zahl der aktiven Kultteilnehmer ist, lĂ€sst sich fĂŒr AuĂenstehende schlecht beurteilen. Die Beteiligten gehören allen ethnischen Gruppen und allen gesellschaftlichen Schichten an; dies bezieht sich sowohl auf einfache Teilnehmer, als auch auf anerkannte Heiler. Giles befragte zwei Heilerinnen aus gebildeten, islamischen Familien, deren Söhne oder BrĂŒder ebenfalls an Besessenheitskulten teilnahmen. Eine der Heilerinnen gab zuvor Koranunterricht. In der Stadt Sansibar pflegten Angehörige der aus Arabern und Swahili bestehenden Oberschicht (Omani) die Besessenheitskulte der Ă€thiopischen (kihabeshia) und der madegassischen Geister (kibuki). Der habeshia-Kult wurde frĂŒher von Mitgliedern der Sultansfamilie mit pompösen Zeremonien praktiziert. Der kibuki-Kult in Sansibar wird vor allem von Frauen und ferner von unverheirateten mĂ€nnlichen Homosexuellen praktiziert, Kjersti Larsen (2008) interpretiert ihn fĂŒr die beteiligten MĂ€nner als Ausdruck der geschlechtlichen IdentitĂ€tsbestimmung einer randstĂ€ndigen Gruppe in der Gesellschaftcite-ref-61[61].Kibuki benötigt ebenfalls teure Zeremonien, die hĂ€ufig von reichen Frauen aus dem Mittleren Osten, besonders aus Oman, finanziert werden, die sich eigens fĂŒr ihre Behandlung nach Sansibar begeben. Umgekehrt reisen bekannte Wahrsager/Heiler regelmĂ€Ăig zu ihrer Kundschaft nach Oman.
Anders als etwa der in Ăgypten und im Sudan marginalisierte zar-Kult gibt es in Ostafrika betrĂ€chtliche Ăberschneidungen zwischen den Glaubensvorstellungen des orthodoxen Islam und den Besessenheitskulten. Dschinn werden im Koran erwĂ€hnt, Muslime erkennen daher grundsĂ€tzlich die Existenz von Geistern an, nur ist der Umgang mit ihnen nicht klar geregelt und von den einen praktizierte Formen des Geisterkults betrachten andere als Schirk. Laut einer 2010 veröffentlichten Studie sind sich muslimische Geistliche der Swahili uneins ĂŒber die Frage, ob der Koran alle Formen magischer Praktiken verbietet oder nicht. Von den 60 Befragten antworteten 53 Prozent mit Ja und 45 Prozent mit Nein. 45 Prozent meinten, dass der Islam zwischen guter und schlechter Magie unterscheidet. Dass Wahrsagerei, ob zulĂ€ssig oder nicht, prinzipiell existiert, wird aus Sure 2:102 herausgelesen. Auf die direkte Frage, ob der Islam Wahrsagerei erlaube, antworteten alle Befragten im Widerspruch zu den genannten Angaben mit Nein, weil sie mit dem Wort Wahrsagerei Aberglauben verbinden, womit sie nichts zu tun haben wollen.cite-ref-62[62]
In der Swahili-Kultur ist Wahrsagerei nicht wie schwarze Magie und Hexerei nach der allgemeinen islamischen Tradition ein Werk gefallener Dschinn, sondern eine Hilfe wohlwollender Schutzgeister fĂŒr den Menschen.cite-ref-63[63] Wahrsager/Heiler (waganga), die im islamischen Kontext wirken, werden waganga wa kitabu (âHeiler des Buchesâ) genannt. Die ĂŒbrigen Heiler heiĂen waganga wa pepo (waganga wa sheitani) und ihre Methoden gelten als âafrikanischâ, auch wenn sie sich nur wenig unterscheiden. Die koranischen Heiler (walimu) fĂŒhren mit Ă€hnlichen Methoden Besessenheitsrituale durch und bringen Opfer dar, wĂ€hrend sie Koranverse vortragen. Lediglich die Initiation des Patienten in den Kultbund mit der Trommel- und Tanzzeremonie ngoma unterscheidet die waganga wa pepo von den waganga wa kitabu. Die koranischen Heiler besitzen eigene, sehr mĂ€chtige Besessenheitsgeister der islamischen Kategorie ruhani. Diese gehören zu den hĂ€ufigsten Geistern, die Besessenheit auslösen. In Mombasa agieren Kultgruppen, die ruhani-Geister mit islamischen dhikri-Zeremonien behandeln, neben den Kultgruppen, die mit Trommeln und Tanz ngoma-Zeremonien fĂŒr andere Geister durchfĂŒhren.cite-ref-64[64]
Veröffentlichungen vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts beschreiben Besessenheitskulte an der ostafrikanischen KĂŒste als weit verbreitet. DemgegenĂŒber wird in Untersuchungen vom Ende des 20. Jahrhunderts von einem allgemeinen RĂŒckgang der Kulte berichtet. Ein Grund, der vor allem die Insel Pemba betrifft, ist die Verarmung der einfachen lĂ€ndlichen Bevölkerung, die Schwierigkeiten hat, die als Opfergaben von manchen Geistern verlangten Luxuswaren und die Gesamtkosten der Zeremonie zu finanzieren. Zugleich ist der Glaube an Geister rĂŒcklĂ€ufig. Ausnahmen sind der weiterhin lebendige kibuki-Kult in der Stadt Sansibar und andere Kulte in einigen groĂen StĂ€dten wie Mombasa, Tanga und Wete auf der Insel Pemba. Der Trend zur VerstĂ€dterung der Geisterkulte wird mit dem besseren Organisationsgrad der stĂ€dtischen Bevölkerung, der leichteren VerfĂŒgbarkeit der benötigten KonsumgĂŒter und Requisiten sowie einer in den StĂ€dten höheren Neigung erklĂ€rt, soziokulturelle Nischen zu bilden.cite-ref-65[65]
Literatur
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âą Linda L. Giles: Sociocultural Change and Spirit Possession on the Swahili Coast of East Africa. In: Anthropological Quarterly, Bd. 68, Nr. 2 (Possession and Social Change in Eastern Africa) April 1995, S. 89â106
âą Linda L. Giles: Spirit Possession & the Symbolik Construction of Swahili Society. In: Heike Behrend, Ute Luig (Hrsg.): Spirit Possession. Modernity & Power in Africa. James Currey, Oxford 1999, S. 142â164
⹠Beatrix Heintze: Besessenheits-PhÀnomene im mittleren Bantu-Gebiet. (Studien zur Kulturkunde, Band 25) Franz Steiner, Wiesbaden 1970
âą Hans Koritschoner: Ngoma Ya Sheitani. An East African Native Treatment for Psychical Disorder. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Bd. 66, JanuarâJuni 1936, S. 209â219
âą Kjersti Larsen: Where humans and spirits meet: The politics of rituals and identified spirits in Zanzibar. Berghahn, New York/Oxford 2008
âą Ralph Skene: Arab and Swahili Dances and Ceremonies. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Bd. 47, JuliâDezember 1917, S. 413â434
âą Carl Velten: Sitten und GebrĂ€uche der Suaheli nebst einem Anhang ĂŒber Rechtsgewohnheiten der Suaheli. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1903, S. 176â206 (bei Internet Archive)
Weblinks
âą Alix Haber: Djinn and Tonic. A Study of Health and Healing in Coastal Kenya. (Bachelor thesis) Wesleyan University, April 2011
Einzelnachweise
cite-note-11. â Esha Faki, E. M. Kasiera, O. M. J. Nandi, 2010, S. 218
cite-note-22. â Jan Knappert: Swahili Islamic Poetry. Bd. 1, E. J. Brill, Leiden 1971, S. 81
cite-note-33. â Jessica Erdtsieck: Encounters with forces of pepo. Shamanism and healing in East-Africa. In: Tanzanet Journal, Bd. 1, Nr. 2, 2001, S. 1â10, hier S. 4
cite-note-44. â Jan Knappert: Swahili Religious Terms. In: Journal of Religion in Africa, Bd. 3, Fasc. 1, 1970, S. 67â80, hier S. 77
cite-note-55. â Beatrix Heintze, 1970, S. 6, 99
cite-note-66. â Ahmed B. A. Badawy Jamalilye: Penetration of Islam in Eastern Africa. (Memento vom 19. Juli 2008 im Internet Archive) Muscat, Oman 2006, S. 8
cite-note-77. â Heike Behrend, Ute Luig: Introduction. In: Heike Behrend, Ute Luig (Hrsg.): Spirit Possession. Modernity & Power in Africa. James Currey, Oxford 1999, S. xv
cite-note-88. â Linda L. Giles, 1999, S. 147
cite-note-99. â John Middleton: The World of the Swahili: An African Mercantile Civilization. Yale University Press, New Haven 1994, S. 180
cite-note-1010. â Esha Faki, E. M. Kasiera, O. M. J. Nandi, 2010, S. 216
cite-note-1111. â Heike Behrend, Ute Luig: Introduction. In: Heike Behrend, Ute Luig (Hrsg.): Spirit Possession. Modernity & Power in Africa. James Currey, Oxford 1999, S. xvii
cite-note-1212. â Ioan Myrddin Lewis: Ecstatic Religion: An Anthropological Study of Spirit Possession and Shamanism. (Pelican Anthropology Library) Penguin Books, Harmondsworth 1971
cite-note-1313. â Emma Cohen: What is Spirit Possession? Defining, Comparing, and Explaining Two Possession Forms. In: Ethnos, Bd. 73, Nr. 1, MĂ€rz 2008, S. 1â25, hier S. 7
cite-note-1414. â Linda L. Giles, 1987, S. 234f
cite-note-1515. â Hans Koritschoner, 1936, S. 209f
cite-note-1616. â Beatrix Heintze, 1970, S. 208
cite-note-1717. â Ioan M. Lewis: Spirit Possession and Deprivation Cults. In: Man, New Series, Bd. 1, Nr. 3, September 1966, S. 307â329, hier S. 320
cite-note-1818. â Peter J. Wilson: Status Ambiguity and Spirit Possession. In: Man, New Series, Bd. 2, Nr. 3, September 1967, S. 366â378, hier S. 366, 376
cite-note-1919. â Beatrix Heintze (1970), S. 209f, 255
cite-note-2020. â Beatrix Heintze, 1970, S. 247
cite-note-2121. â Ralph Skene, 1917, S. 431f
cite-note-2222. â Beatrix Heintze, 1970, S. 169â173
cite-note-2323. â Beatrix Heintze, 1970, S. 174
cite-note-2424. â Grace Harris: Possession âHysteriaâ in a Kenya Tribe. In: American Anthropologist, New Series, Bd. 59, Nr. 6, Dezember 1957, S. 1046â1066, hier S. 1948, 1051
cite-note-2525. â Arvi Hurskainen: Invasion of Spirits. Epidemiological Spirit Possession among the Maasai of Tanzania. In: Nordic Journal of African Studies, Bd. 14, 2004, S. 3â116, hier S. 15
cite-note-2626. â Johann Ludwig Krapf: Reisen in Ost-Afrika ausgefĂŒhrt in den Jahren 1837 â 1855 (Zur Beförderung der Ostafrikanischen Erd- und Missionskunde). W. Stroh, Stuttgart 1858, S. 294 (bei Internet Archive)
cite-note-2727. â Fritz W. Kramer: Der rote Fes. Ăber Besessenheit und Kunst in Afrika. AthenĂ€um, Frankfurt 1987, S. 100
cite-note-2828. â Ann P. Caplan: Choice and Constraint in a Swahili Community. Oxford University Press for the International African Institute, London 1975
cite-note-2929. â Linda L. Giles, 1987, S. 238
cite-note-3030. â Kjersti Larsen, 2008, S. 60
cite-note-3131. â Linda L. Giles, 1999, S. 148f
cite-note-3232. â Helene Basu: Geister und Sufis: Translokale Konstellationen des Islam in der Welt des Indischen Ozeans. In: Zeitschrift fĂŒr Ethnologie, Bd. 130, Heft 2, 2005, S. 169â193, hier S. 182
cite-note-3333. â Linda L. Giles, 1999, S. 150
cite-note-3434. â Ralph Skene, 1917, S. 421
cite-note-3535. â Helene Basu: Geister und Sufis: Translokale Konstellationen des Islam in der Welt des Indischen Ozeans. In: Zeitschrift fĂŒr Ethnologie, Bd. 130, Heft 2, 2005, S. 169â193, hier S. 181
cite-note-3636. â Lisa Mackenrodt: The Jinn fly on Friday. On spiritual healing practices of the Swahili coastal people in contemporary Tanzania. In: Marc Seifert u. a. (Hrsg.): BeitrĂ€ge zur 1. Kölner Afrikawissenschaftlichen Nachwuchstagung (KANT I), 12.â14. Mai 2006, S. 15
cite-note-3737. â Linda L. Giles, 1999, S. 151â154
cite-note-3838. â Kenya & Tanzania. Witchcraft & Ritual Music. Aufgenommen von David Fanshawe, veröffentlicht als LP bei Elektra Nonesuch, Explorer Series, 1975; als CD 1991. Titel 1: Ngoma ra mrongo, Besessenheitstanz im County Taita-Taveta, SĂŒdkenia
cite-note-3939. â Linda L. Giles, 1999, S. 154
cite-note-4040. â Sandy Prita Meier: Swahili Port Cities: The Architecture of Elsewhere. Indiana University Press, Indiana 2016, S. 91
cite-note-4141. â Jessica Jantina Erdtsieck: In the spirit of Uganga â inspired healing and healership in Tanzania. (Ph.D.-Dissertation) Universiteit van Amsterdam, 2003, S. 72 (Kapitel 3; online)
cite-note-4242. â Linda L. Giles, 1999, S. 155â157
cite-note-4343. â Elizabeth C. Orchardson-Mazrui: Jangamizi: Spirit and Sculpture. In: African Languages and Cultures, Bd. 6, Nr. 2, 1993, S. 147â160, hier S. 147f
cite-note-4444. â Vgl. Roger Gomm: Bargaining from Weakness: Spirit Possession on the South Kenya Coast. In: Man, New Series, Bd. 10, Nr. 4, Dezember 1975, S. 530â543
cite-note-4545. â Linda L. Giles, 1999, S. 155
cite-note-4646. â Lesley A. Sharp: Playboy Princely Spirits of Madagascar: Possession as Youthful Commentary and Social Critique. In: Anthropological Quarterly, Bd. 68, Nr. 2 (Possession and Social Change in Eastern Africa) April 1995, S. 75â88, hier S. 76
cite-note-4747. â Linda L. Giles, 1999, S. 157f
cite-note-4848. â Vgl. Rebecca Gearhart: Ngoma Memories: How Ritual Music and Dance Shaped the Northern Kenya Coast. In: African Studies Review, Bd. 48, Nr. 3, Dezember 2005, S. 21â47
cite-note-4949. â Linda L. Giles, 1987, S. 243
cite-note-5050. â Elizabeth C. Orchardson-Mazrui: Spirit Possession among the Mijikenda. In: Kenya Past and Present, Band 21, Nr. 1, 1989, S. 29â32, hier S. 29
cite-note-5151. â Michael Singleton: Dawa: Beyond Science and Superstition (Tanzania). In: Anthropos, Band 74, Heft 5/6, 1979, S. 817â863, hier S. 818
cite-note-5252. â Beatrix Heintze, 1970, S. 223, 225
cite-note-5353. â Ralph Skene, 1917, S. 420â425
cite-note-5454. â Beatrix Heintze, 1970, S, 241â243
cite-note-5555. â Beatrix Heintze, 1970, S. 64â67
cite-note-5656. â Linda L. Giles, 1987, S. 240f
cite-note-5757. â Linda L. Giles, 1987, S. 241
cite-note-5858. â Beatrix Heintze, 1970, S. 64
cite-note-5959. â Carl Velten, 1903, S. 176 (bei Internet Archive)
cite-note-6060. â Carl Velten, 1903, S. 178
cite-note-6161. â Kjersti Larsen, 2008, S. 118
cite-note-6262. â Esha Faki, E. M. Kasiera, O. M. J. Nandi, 2010, S. 219
cite-note-6363. â Esha Faki, E. M. Kasiera, O. M. J. Nandi, 2010, S. 220
cite-note-6464. â Linda L. Giles, 1987, S. 242â246
cite-note-6565. â Linda L. Giles, 1995, S. 92f